Sonntag, 11. August 2013

Das Volk und die Intelligenz

In den letzten Tagen habe ich mich unter anderem mit den Sinus-Milieus beschäftigt. Ich halte diese Klassifikation der Bevölkerung für interessant. Ob sie zutrifft, ist eine andere Frage. Aber ganz sicher gibt es so etwas wie ein "Liberal-Intellektuelles Milieu". Das Sinus-Institut beziffert dessen Anteil an der Gesamtbevölkerung mit 7%. Ob diese Zahl stimmt, weiß ich nicht. Dieses Milieu wird jedenfalls als die "aufgeklärte Bildungselite" bezeichnet, der ein starker Drang zur Selbstverwirklichung innewohnt. Ich glaube, ganz gut da hineinzupassen; eventuell gehöre ich zur Schnittmenge dieses Milieus mit dem Milieu der Performer.

Für wichtig halte ich jedenfalls die Erkenntnis, dass vielleicht Außenstehende meinen könnten, die Mitglieder des österreichischen Hochintelligenzvereins müssten alle zu diesem Liberal-Intellektuellen Milieu gehören; wie aber die Beispiele zeigen, die ich im vergangenen Monat in diesem Blog gebracht habe, ist dem nicht so. Ich finde, man kann das Liberal-Intellektuelle Milieu sowie einige benachbarte Milieus, wie das Milieu der Performer, jedenfalls klar vom Rest der Bevölkerung abgrenzen. Die genannten Milieus bilden die "Intelligenz", die übrigen Milieus das "Volk".

Auch wenn die Mitgliedschaft im Verein nun einen hohen Intelligenzquotienten voraussetzt, gibt es auch viele Angehörige des "Volks", die in einem Intelligenztest eine entsprechend hohe Punktezahl erreichen; und manche von ihnen sind auch dem Verein beigetreten. Man muss also ganz klar die "Intelligenz" im soziologischen Sinn von einem solchen Verein trennen; das sind zwei verschiedene Dinge.

Nun ist mir auch klar, warum so viele Neumitglieder, vor allem jüngere und gebildetere, vom Verein so enttäuscht sind - Originalton: "Die sind doch gar nicht intelligent!" Viele Mitglieder sind eben nicht Angehörige der "Intelligenz". Intelligent sind diese Leute nur insofern, als sie in einem Intelligenztest gut abgeschnitten haben, aber um zu der "Intelligenz" im soziologischen Sinne zu gehören, bedarf es mehr als nur eines hohen Intelligenzquotienten. Vor allem gehören dazu: ein starkes Bestreben danach, Bildung zu erwerben (im Sinne von wissenschaftlichen Erkenntnissen), eine kritische Grundhaltung und Orientierung an Vernunft anstelle von Tradition, Konventionen und religiösen Vorstellungen. Das haben viele Mitglieder des österreichischen Hochintelligenzvereins nicht.

Was man dabei aber auch bedenken muss: Viele Angehörige des "Volks" wollen gar nicht zur "Intelligenz" gehören. Sie wollen gar nicht in die "Bildungselite" aufsteigen. Das ist mir erst jetzt klar geworden. So erschließt sich für mich auch, warum manche im Verein über meine eigene Grundhaltung so verärgert sind, denn sie wollen im Grunde genommen nur als Menschen anerkannt, respektiert und geschätzt werden; sie haben gar kein Interesse daran, dass man zu der Erweiterung ihres geistigen Horizonts und zur Anpassung ihrer Haltungen an wissenschaftliche Erkenntnisse beiträgt. Das wollen sie nicht.

Man muss nämlich auch dazu sagen: Es ist falsch zu glauben, dass die "Intelligenz" auf Abgrenzung bedacht wäre oder sich wegen ihrer Bildung für etwas Besseres hielte. Falls der geneigte Leser das geglaubt haben sollte, dann hat er etwas gründlich missverstanden! Vielmehr ist es so, dass die Angehörigen der "Intelligenz" tatsächlich glauben, dass ihre eigene Lebenseinstellung, ihre kritische Haltung gegenüber Normen, ihr Bestreben, den eigenen geistigen Horizont ständig zu erweitern, allen Menschen gut täten, also es am besten wäre, wenn alle Menschen diesen Lebensstil übernähmen. Gleichzeitig ist der "Intelligenz" aber auch bewusst, dass manche Mitbürger gar nicht über die geistigen Fähigkeiten verfügen, die für einen solchen Lebensstil erforderlich sind. Deswegen gibt es ja auch Intelligenztests: Sie dienen zu ermitteln, wer in der Lage wäre, ein "aufgeklärtes Weltbild" anzunehmen und Urteile vernunftgemäß zu fällen anstatt nur irgendwelchen Bräuchen zu folgen. Aus diesem Grund fühlen sich Angehörige der "Intelligenz", wenn sie Vereinen wie diesem beitreten, oft berufen zu "missionieren". Dagegen widersetzen sich aber die Mitglieder, die dem "Volk" entstammen und auch lediglich Angehörige des "Volks" bleiben wollen. So kommt es zu Konflikten und im Extremfall Austritten, Ausschlüssen und Spaltungen.

Man könnte über dieses Thema noch viel mehr sagen, aber ich höre jetzt auf zu schreiben und möchte, dass man das bisher Geschriebene als Denkanstoß betrachtet.

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